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Warum handeln wir nicht?

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Angela Simetzberger erzählt uns in diesem Gastbeitrag von ihren Forschungsergebnissen aus ihrer Masterarbeit zu Barrieren für Konsumenten, die versuchen Zero Waste zu leben.

 

Unzählige Bücher, Blogs und Youtube Kanäle informieren uns über Wege, wie wir unseren Müll reduzieren können und schlussendlich beim Ziel Zero Waste, also kein Müll, ankommen. Auf dem Weg dorthin ändern oder beenden wir Verhaltensweisen und ersetzen Produkte durch nachhaltigere Alternativen. Oft sind die Ambitionen groß und die Motivation, Zero Waste zu leben, stark. Und doch gelingt es nicht vielen, so richtig Zero Waste zu leben. Was passiert dazwischen? Was erleben Menschen, die Zero Waste leben möchten, auf ihrem Weg? Was sind Schwierigkeiten, die Zero Waste Verhalten behindern? Und noch wichtiger, mit welchen Strategien können diese Schwierigkeiten erfolgreich überwunden werden? Und was können Unternehmen, Gesetze und jeder einzelne von uns dazu beitragen, die Schwierigkeiten zu verringern?

 

Im Zuge meiner Masterarbeit beantwortete ich diese Fragen durch qualitative Forschung im Rahmen von Interviews mit zehn Personen, die sich in unterschiedlichem Ausmaß mit Zero Waste in ihrem Leben beschäftigen.

 

Was sind Hindernisse?

Die Barrieren auf dem Weg zu Zero Waste unterscheide ich in interne Barrieren, das heißt, solche, die innerhalb des Individuums liegen, und externe Barrieren, solche, die von außen auf das Individuum einwirken.

 

Interne Barrieren für ein Zero Waste Leben

Im Zuge der Verhaltensänderungen hin zu Zero Waste werden einige Änderungen als Einschränkungen wahrgenommen oder das Gefühl kommt auf, dass das neue Verhalten zu einem Verlust eines gewissen Lebensstandards oder Luxus führt. Ein Besuch im Supermarkt kann als einschränkend  wahrgenommen  werden, da  viele  Produkte  nur  in  Plastik verpackt erhältlich sind und daher nicht dem Prinzip Zero Waste entsprechen. Auch bedeuten viele Zero Waste Praktiken mehr Vorbereitung, wie beispielsweise eigenes Besteck und Essen mitzunehmen. Das Gefühl von Verlust eines Lebensstandards oder Luxus kann aufkommen, wenn beispielsweise das Lieblingsprodukt nicht ohne Verpackung erhältlich ist oder Zero Waste Produkte nicht dieselbe Qualität aufweisen.

 

Eine weitere Barriere ist die mit der Verhaltensänderung einhergehende Entwicklung neuer Gewohnheiten. Häufig wurde Bequemlichkeit genannt als Barriere für die Entwicklung neuer Gewohnheiten, aber genauso alte existierende Gewohnheiten, sowie der kognitive Aufwand und die Tatsache, dass die Gewohnheitsänderung  ein  Fokus im  Leben sein muss, um sich täglich damit zu beschäftigen. Bequemlichkeit kann bedeuten, alle Lebensmittel in einem Geschäft zu kaufen anstatt viele Geschäfte auf der Suche nach unverpackten Lebensmitteln anzusteuern. Oft wird auf alte Gewohnheiten zurückgegriffen und erst später bemerkt, dass man hier eigentlich anders handeln wollte.

 

Ein mangelndes Gefühl von Selbstwirksamkeit beschreibt den Zustand in dem das Individuum nicht das Gefühl hat, dass die eigenen Handlungen eine Auswirkung auf die Situation haben. Dieser Mangel lässt Individuen ihre Handlungen hinterfragen und hindert sie daher. 

 

Auch ein Gefühl, mit dem Übermaß an Information überfordert zu sein, kann als Barriere wirken, besonders zu Beginn der Zero Waste Erfahrungen. Oft wirken die Probleme groß, und es gibt keine einfachen klaren Handlungen, die das Individuum setzen kann. Einige Individuen möchten alles auf einmal verändern und fühlen sich mit dieser Aufgabe überfordert.

 

Die Interviews zeigen, dass sich Individuen, die sich für Zero Waste interessieren, ebenfalls für ähnliche Themen interessieren. Dazu gehören Veganismus oder bewusster reduzierter Fleischkonsum, Umweltschutz, Kauf regionaler und saisonaler Produkte, Minimalismus, Reduktion von Plastik und vieles mehr. Nicht bei jeder Handlung stehen diese Bereiche mit Zero Waste in Einklang. Individuen entscheiden daher in der Situation, welcher Aspekt ihnen wichtiger ist, wobei teilweise andere Aspekte über Zero Waste Verhalten priorisiert werden können und damit dieser persönliche Zielkonflikt eine Barriere für Zero Waste darstellen kann.

 

Externe Barrieren für ein Zero Waste Leben

Als externe Barriere zählt vor allem das aktuelle System, das Zero Waste Verhalten nicht fördert. Dazu gehören beispielsweise eine geringe Verfügbarkeit von Zero Waste Angeboten sowie fehlende Information zu Verfügbarkeit und geringe Transparenz, da Konsumenten oft nicht wissen können, wieviel Müll in der Verarbeitung auf dem Weg bis in ihre Hände produziert wird.

 

Eine weitere Barriere stellt der soziale Einfluss dar. Soziale Normen, das heißt die Übereinkunft, was in einer Gesellschaft sozial angemessen ist, beeinflussen das Verhalten genauso wie das soziale Umfeld. Dieses kann Zero Waste Verhalten unterstützen und motivieren, aber auch dagegen arbeiten und kein Verständnis für  das neue  Verhalten  aufbringen.  Von der Norm abweichendes Verhalten fällt auf und muss von den Betroffenen häufig erklärt und verteidigt werden.

 

Häufig sind mit Zero Waste Verhalten auch Kosten verbunden, wobei der Begriff Kosten als finanzielle Kosten oder Aufwand (Zeit oder Mehrarbeit) interpretiert wird. Etliche Individuen berichten von höheren Kosten in Unverpacktläden. Außerdem bedeutet ein Besuch dieser Läden meistens mehr Zeitaufwand und damit Anstrengung. Ebenso benötigen das Vorbereiten und Vorkochen von Mittagessen mehr Zeit.

 

Ein Mangel an Informationen kann auf verschiedene Arten als Barriere wirken. Individuen, die keine Informationen über die Hintergründe von Müll und den Konsequenzen haben, werden keinen Anreiz haben zu handeln. Doch selbst wenn Individuen über das Problem Bescheid wissen, kann ein Mangel an Informationen zu Handlungsoptionen eine Barriere darstellen. Und schlussendlich, Individuen die Zero Waste leben möchten, sehen sich oft damit konfrontiert, dass sie selber recherchieren müssen und sich mit dem Thema auseinandersetzen, wobei oft unklar ist, welcher Quelle bei diesem komplexen Thema vertraut werden kann.

 

Viele Individuen berichten von persönlichen Grenzen des Zero Waste Verhaltens, beispielsweise bei medizinischen Produkten, ihrer Arbeit oder Bereichen, in denen sie keine Kontrolle mehr haben. So würden die meisten Individuen nicht auf Medikamente oder Behandlungen verzichten, bei denen Müll anfällt und genauso nicht ihren Job kündigen, in dem sie sich teilweise anders verhalten müssen, als es ihren Vorstellungen entsprechen würde.

 

Diese Barrieren sind individuell unterschiedlich stark in verschiedenen Situationen präsent und wirksam. Um diese Barrieren zu überwinden, entwickeln Individuen Handlungsstrategien, in diesem Fall ein starkes Mindset und die Entwicklung neuer Gewohnheiten. Individuen können ihre Wahrnehmung ändern, um Einschränkungen, die durch den neuen Lebensstil entstehen können, anders oder sogar positiv und befreiend zu sehen. Beispielsweise kann das selber Kochen und Vorbereiten von Mittagessen als Einschränkung und Mehraufwand wahrgenommen werden. Durch eine Wahrnehmungsveränderung kann dieselbe Tätigkeit aber auch positiv als Beschäftigung mit dem eigenen Essen gesehen werden. Genauso kann die Einschränkung, gewisse Produkte nicht mehr zu kaufen, auch positiv wahrgenommen werden, da kreative Alternativen gefunden werden und den Konsum zu verlangsamen.

 

Viele Zero Waste Vertreter haben das Gefühl, dieses Mindset immer schon in sich getragen zu haben. Alte Gewohnheiten können eine Barriere für Zero Waste Verhalten darstellen und Gewohnheitsänderungen können mühsam sein. Doch sobald ein Verhalten erfolgreich geändert wurde, wird es häufig als einfach und bequem wahrgenommen. Gewohnheiten gezielt zu verändern ist daher eine häufig angewendete Strategie um langfristig Verhalten zu verändern. Diese beiden Strategien spielen eine starke gemeinsame Rolle auf dem Weg zu einem Zero Waste Alltag. Das starke Mindset motiviert Individuen, Barrieren zu überwinden und neue Gewohnheiten zu schaffen. Durch die Veränderung der Gewohnheiten wird das Mindset verstärkt, Einschränkungen können anders wahrgenommen werden und damit weitere Gewohnheitsänderungen anstoßen.

 

Und was kann jetzt jede*r einzelne tun?

Viele Barrieren zu Zero Waste sind darauf zurückzuführen, dass unser aktuelles System nicht auf Zero Waste ausgelegt ist. Die Änderungen dieses Systems liegen zu großen Teilen in den Händen der Politik, des Handels und der Hersteller. Doch auch wir alle können einen wichtigen Beitrag leisten, um die Barrieren für uns alle zu verringern:

  • Reflektiere darüber!  Zero Waste leben ist anders als das aktuelle System, dadurch entstehen Schwierigkeiten, die es zu überwinden gilt. Reflektiere über deine persönlichen Barrieren und was diese veränderte Verhaltensweise mit dir macht. Erkenne an, dass es diese Schwierigkeiten geben kann und es anderen ähnlich geht.
  • Rede darüber! Wie bereits erwähnt brauchen wir Individuen die Information als Handlungsanreiz – ohne das Wissen keine Handlung. Doch auch wer über die Situation Bescheid weiß, ist oft überfordert, und es fehlt an klaren Handlungsanweisungen. Lass deine Freunde und Familie an deinem Wissen zur Müllproblematik und deinen Erfahrungen, Problemen und Erfolgen teilhaben.Gemeinsam können wir auch das soziale Umfeld verändern, Zero Waste mehr zur sozialen Norm machen und andere unterstützen.
  • Fordere Veränderungen! Ein Großteil des Mülls fällt bereits an, bevor du das fertige Produkt oder die Dienstleistung konsumierst. Daher verlange Änderungen von Herstellern und dem Handel und werde nicht müde die Politik an ihre Verpflichtungen zu erinnern.

Zero Waste Forschung

Wenn du mehr über meine Forschungsergebnisse und daraus folgende Implikationen für Hersteller, den Handel und die Gesetzgebung erfahren willst, wirf einen Blick auf meine Masterarbeit und teile diese gerne.

 

Zur Person

Angela Simetzberger, MSc (WU)

geboren am 23.11.1994 in Wien

2018 – 2020 Masterstudium Marketing an der Wirtschaftsuniversität Wien

2013 – 2017 Bachelorstudium Internationale Betriebswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien

„Inspiriert durch mein persönliches Interesse und meine Betreuerin beschloss ich meine Masterarbeit dem Thema Zero Waste zu widmen. Dabei fokussierte ich mich auf die Hindernisse, die Konsumenten erleben und will mit meiner Forschung einfache Handlungsvorschläge liefern, die angewendet werden können, um das Zero Waste Verhalten einfacher und einem größeren Personenkreis zugänglicher zu machen."   |  Angela Simetzberger (2020)

 

Dieser Artikel ist für Zero Waste Austria entstanden. Andrea Blum von KRAUTBLOG ist Zero Waste Botschafterin für Zero Waste Austria. Zero Waste Ansprechpartnerin in Vorarlberg und Interviewpartnerin für vorliegende Masterarbeit.

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